Amazon zeichnet sich in letzter Zeit vor allem durch seine massive Expansion im Bereich des Buchwesens aus. Als Beispiele seien die Erweiterung der Kindle-Familie, deren länderübergreifender Vertrieb und Support sowie die Gründung eines eigenen Verlags genannt. Was Apple im Bereich der Smartphones und Tablet-PCs darstellt, ist Amazon für die Buchindustrie: Ein bedrohlicher Vorreiter, der die alten Strukturen aufbricht. Nur ist die Buchbranche dies, im Gegensatz zur Elektronikbranche, nicht gewohnt.
Die Gerüchte häufen sich, dass Amazon nun auch Buchläden unter eigener Marke betreiben möchte. Der erste „Teststore“ soll innerhalb des nächsten halben Jahres in Seattle eröffnet werden. Obwohl Amazon online ohnehin omnipräsent ist und die Kindles bei vielen Großhandelsketten gekauft werden können, würde ein solcher „Flagstore“ durchaus Sinn ergeben. Apple und Google verkaufen ihre Produkte ebenfalls hauptsächlich online oder über Vertriebspartner, unterhalten jedoch an wichtigen Standorten eigene „Apple“- oder „Android“-Stores. Just fot the image. Amazon ist mittlerweile groß genug, um sich ebenfalls um sein Image zu kümmern.
Amazon könnte in seinem Flagstore vor allem seine Kindles und exklusiv im Amazon-Verlag scheinende Bücher als Hardcover anbieten, die sonst nur bei Amazons Vertriebspartner Houghton Mufflin Harcourt, einem US-amerikanischen Großverlag. Sollte das Testmodell des eigenen Stores in Seattle, wo sich, nebenbei, auch der Hauptfirmensitz befindet, erfolgreich sein, wäre eine Expansion in diesem Bereich durchaus denkbar. Amazon nutzt derzeit sämtliche Vorteile seines Online-Daseins, wie Steuervergünstigungen, redlich aus und expandiert sehr vorsichtig, um die Kosten überschaubar und den eventuellen Verlust gering zu halten.
Amazon zeigt immer stärkere Ambitionen, zum Großverlag aufsteigen zu wollen, stoßen dabei jedoch auf erheblichen Gegenwind aus der Buchbranche, denn niemand möchte einen derartigen Marktgiganten gegen sich wissen. Amazon bemüht sich allerdings auch nicht, die Bedenken der Buchhändler zu zerstreuen, sondern schreckt diese eher noch bemühter ab, indem es für seine Titel Exklusivrechte beansprucht oder, im Falle des eBook-Verleihmodells Kindle Select, sich selbst als einzigen Vertriebsweg als Grundvoraussetzung bestimmt – das kommt einem von Apple vage bekannt vor. Anscheinend, betrachtet man sich die aktuellen Patentstreitigkeiten vieler Großkonzerne dazu, leben wir in einer Zeit, in der jeder Konzern mit einigermaßen Potenzial versucht, sich eine Monopolstellung zu erkämpfen.
Ob sich die Gerüchte über den Amazon-Flagstore bewahrheiten, werden die nächsten Monate zeigen. Einen Grund, oder besser, Gründe dagegen, einen solchen zu eröffnen, hätte Amazon jedenfalls nicht.



